Zum zwanzigsten Jahrestag des 9. Oktober 1989 gründeten Bürgerinnen und Bürger aus Ost und West, Kirchenleute und Friedensaktivisten die Stiftung Friedliche Revolution. Stiftungsvorstand Christian Führer sagte: "Wir wollen die Friedliche Revolution nicht ins Museum stellen, sondern wir wollen weiter gehen und auch heute zum Handeln anstiften. Die Friedliche Revolution muss weiter gehen und auch die Wirtschaft einschließen."
Stiftung friedliche Revolution
Die Stiftung will die grundlegenden Wertemuster der Menschen, die 1989 in den Kirchen und auf den Strassen für den friedlichen Wandel eingetreten sind, in die heutige Zeit überführen.
Charta für Courage
Die „Charta für Courage“ der Stiftung Friedliche Revolution soll Plattform für alle Bürgerinnen und Bürger sein, die sich für die Ziele der Stiftung engagieren wollen.
Die vier zentralen Forderungen der Friedlichen Revolution von 1989 – „Keine Gewalt“, „Schwerter zu Pflugscharen“, „Wir sind das Volk“ und „Offen für Alle“ – sind die zentralen Wertemuster für unser heutiges Handeln. Die Charta kann jede Bürgerin und jeder Bürger per Unterschrift unter www.stiftung-fr.de unterstützen.
1. „Keine Gewalt“
„Von der Nikolaikirche gingen die Wegweisung und Courage aus, die innere Kraft, sich ohne Gewalt zu erheben und durchzusetzen.“ Bundespräsident Richard von Weizsäcker
1989
Der 9. Oktober ist das Datum der alles entscheidenden Montagsdemonstration im Herbst 1989, als kein Mensch wusste, ob in Leipzig geschossen wird. Die Angst vor einer chinesischen Lösung war im gesamten Land, wo es bereits aus den Kirchen kommende Demonstrationen gab, groß. Erst wenige Monate zuvor hatte das chinesische Militär am 3. und 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens einen Volksaufstand und die Demokratie-bewegung der Studenten gewaltsam niedergeschlagen. In Leipzig wurde am Abend des 9. Oktobers die Nikolaikirche zusammen mit anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der friedlichen
Demonstration von 70.000 Menschen.
Der Ruf Zehntausender „Keine Gewalt“ richtete sich gegen das massive Aufgebot der Sicherheitskräfte aber auch an die Demonstranten. Immer wieder, so auch an diesem Tag, lautete die Bitte des damaligen Nikolaipfarrers Christian Führer:
„Lasst die Gewaltlosigkeit nicht in der Kirche stecken, nehmt sie mit hinaus auf die Straßen und Plätze!“ Und als die Teilnehmer des Friedensgebetes an diesem Abend aus der Kirche kamen, war der Nikolaikirchhof überfüllt mit Menschen. Viele Menschen hatten Kerzen in den Händen. Zwei Hände braucht man, um das Licht zu schützen.
Als die Sicherheitskräfte angesichts der Masse der friedlichen Demonstranten dann doch auf den Einsatz von Gewalt verzichtete, war die DDR nicht mehr die, die sie am frühen Morgen gewesen war. Die gepanzerten Fahrzeuge zogen sich zurück. Horst Sindermann, Mitglied des Zentralkomitees der SED, sagte später:
„Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“
Unsere Ziele heute
1.1. Gewaltlosigkeit und ziviler Ungehorsam verbindet die Friedliche Revolution universal mit anderen Bürgerrechts- und Friedens-bewegungen: Mit Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Nelson Mandela und der Friedensbewegung in Ost und West.
1.2. Diktaturen und ungerechte Wirtschaftssysteme können nur gewaltlos überwunden werden. Die Geschichte zeigt, dass Gewalt nur wieder Gewalt und autoritäre Systeme hervorbringt.
1.3. Die Stiftung will national und international Formen des friedlichen zivilen Ungehorsams unterstützen.
1.4. Die Stiftung wird Erfahrungen mit gewaltlosen Bürgerrechts-bewegungen weltweit austauschen und Gemeinsamkeiten definieren, erfolgreiche Strategien herausarbeiten und die Rolle des Internets und der sozialen Netzwerke für den gewaltfreien Protest würdigen.
2. „Schwerter zu Pflugscharen“
1989
„Schwerter zu Pflugscharen“ wurde Anfang der 80er Jahre zum Symbol der kirchlichen Friedensarbeit in der DDR und bald in ganz Deutschland. Die entsprechende Skulptur war ein Geschenk der Sowjetunion an die UNO, wo sie noch heute vor dem Hauptquartier in New York steht. Eine Abbildung des Mannes, der das Schwert umschmiedet, wurde zu Beginn der 80er Jahre als Lesezeichen zur Friedensdekade ausgegeben. Die Jugendlichen nähten es sich lieber auf die Jacken oder klebten es auf Schultaschen und Beutel. Die SED ließ daraufhin das Zeichen von der Polizei und anderen Sicherheits-kräften auf teils brutale Weise im ganzen Land entfernen.
Am 24. September 1983 fand auf Anregung des damaligen Pfarrers der Schlosskirche Wittenberg, Friedrich Schorlemmer, während eines evangelischen Kirchentages in Wittenberg auf dem Lutherhof eine symbolische Aktion statt: Ein Wittenberger Schmied schmiedete vor etwa 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Schwert zu einer Pflugschar um. Diese Aktion, die Leipziger Friedensgebete und
viele andere Aktivitäten der ostdeutschen Friedensbewegung sorgten dafür, dass das Motto weltweit bekannt wurde. Kurze Zeit später hatte die Politik des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika wie auch die Entspannungspolitik der Bundesregierung den Menschen mit ihrer
Forderung nach friedlichen Veränderungen den Rücken gestärkt.
Unsere Ziele heute
2.1. Friedenspolitik ist auch nach dem Ende des Kalten Krieges notwendig. Die ost- und westdeutsche Friedensbewegung muss neue Anstrengungen unternehmen, um der zunehmenden Zahl kriegerischer Konflikte entgegenzuwirken.
2.2. Die Stiftung Friedliche Revolution will dazu beitragen, die Erfahrungen der ost- und westdeutschen Friedensbewegung anderen Friedensaktivisten weltweit nutzbar zu machen. Dazu streben wir einen Austausch mit internationalen Friedensbewegungen an.
2.3. Friedenspolitik ist auch Wirtschaftspolitik. Wo Umverteilung, Ausbeutung und Ethnisierung von ökonomischen Konflikten stattfinden, kommt es zu Gewalt. Nur eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung kann diese Konflikte befrieden.
2.4. Der weltweite militärische Kampf gegen den Terror stachelt immer mehr Gewalt und Terror an. Der Luftangriff, der im September 2009 von der deutschen Bundeswehr in Afghanistan angefordert wurde, zeigt beispielsweise, dass Konflikte nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden können und dürfen.
2.5. Die neue nukleare Abrüstungsinitiative des US-Präsidenten Barack Obama und sein Verzicht auf den Bau des Raketenschutzschildes in Osteuropa verdient stärkere Unterstützung aller Regierungen, auch der deutschen.Die Stiftung setzt sich dafür ein, dass noch mehr Druck innerhalb der Bevölkerung auf die Bundesregierung ausgeübt wird, damit die Vision Barack Obamas von einer atomwaffenfreien Welt Wirklichkeit wird.
3. „Wir sind das Volk“
„Der Prozess der Selbstfindung auch der Opposition, die versuchte, dieses Land demokratisch zu leiten, zu gestalten, dieser Prozess wurde am 9. November einfach abgebrochen.“ Friedrich Schorlemmer
1989
Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ verliehen die Menschen auf der Straße im Herbst 1989 der Forderung nach Ende der Bevormundung und Gängelung durch den Staat großen Nachdruck. Die Sicherheitsleute wurden gefragt: „Ihr Polizisten, für wen steht ihr eigentlich hier? Für die paar Greise in Berlin – oder was? Wir sind das Volk!“. Das selbstbewusste, im aufrechten Gang erworbene demokratische Bekenntnis „Wir sind das Volk“ hat Geschichte geschrieben und das Land bis heute verändert.
Unsere Ziele heute
3.1. Die Stiftung Friedliche Revolution will weltweit Demokratiebewegungen
unterstützen und auch in Deutschland zu mehr Demokratie anstiften.
3.2. Wir wollen zu mehr gesellschaftlichem Engagement beitragen. 1989 war auch ein Akt der Emanzipation vom Obrigkeitsdenken. Wir können dem Staat nicht allein die Gestaltung von Lebensverhältnissen überlassen, sondern wollen uns einmischen.
3.3. Vor allem die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise hat gezeigt, dass die Wirtschaft stärker dem Menschen dienen muss: „Die Friedliche Revolution muss weitergehen. Die kapitalistische Marktwirtschaft hat ganz und gar nichts Demokratisches an sich. Und wenn sie jetzt global agiert, befürchte ich, dass diese unverschämte Diktatur des Kapitals über Leichen geht.
Die Frage lautet: Wie sieht die passende Wirtschaft für unsere Demokratie aus?“ (Christian Führer)
3.4. In den letzten 20 Jahren hat sich weltweit ein Wirtschaftsmodell durchgesetzt, das nicht mehr in erster Linie der Schaffung von Arbeitsplätzen dient, sondern vor allem den kurzfristigen Gewinninteressen von weltweit tätigen Finanzinvestoren. Finanzmärkte wurden von sinnvollen Regeln „befreit“, staatliche Vorschriften wurden von Managern und führenden Bankern bewusst umgangen. Dem Diktat der Finanzmärkte folgend, wurde die Arbeitnehmerschaft zunehmend unter Druck gesetzt, soziale Rechte
aufgeweicht und die Ideologie der Ungleichheit in die Gesellschaft eingeführt. Mit den explodierenden Konzern- und Vermögensgewinnen wurde jedoch vorwiegend spekuliert, nicht investiert. In fast allen Ländern öffnete sich die Gerechtigkeitslücke. Die ungezügelten Finanzmärkte und der zunehmende Reichtum in den Händen Weniger haben vor allem die Spekulation befeuert, die dann zu der Krise führte.
3.5. Dem Diktat der Finanzmärkte muss das Primat der Demokratie und die Entwicklung einer menschenfreundlichen Wirtschaft entgegen gestellt werden.
3.6. Die Stiftung Friedliche Revolution will mit Vertretern aus den gesellschaftlichen
Lagern und der Wirtschaft über die Entwicklung einer demokratischeren
Wirtschaftsform diskutieren und engagierten Bürgerinnen und Bürgern
dazu ein Forum bieten.
4. „Offen für alle“
„Am Anfang stand: „Nikolaikirche – offen für alle“. Nun ist Deutschland, ganz Deutschland offen für alle. (...) Neonazis hatten Leipzig für ihre Aufmärsche jeweils am 1. Mai und 3. Oktober bis zum Jahr 2014 gewählt. Mit einem An-Denken des Tages in der Nikolaikirche und einem großen Bündnis ‚Courage zeigen’ haben wir dagegen Gesicht
gezeigt und auf immer neue Weise gewaltfrei Widerstand geleistet.
Es fiel uns schon bald nichts mehr ein – da gaben 2007 die Neonazis auf und sagten die Termine bis 2014 ab.“ Christian Führer
1989
Mit der Losung „Nikolaikirche – offen für alle“ vor dem Kirchenportal öffnete sich die Kirche für alle Rand- und Protestgruppen ohne Rücksicht auf ideologische oder religiöse Ansichten. Damit wurde die Nikolaikirche zum Symbol der Pluralität aller oppositionellen Kräfte in der DDR. So unterschiedlich die Zielsetzungen und die Zusammen-setzung der einzelnen Gruppierungen auch waren, fanden sie doch
immer wieder zusammen, um gemeinsam Forderungen zu stellen. Nur der gegenseitige demokratische Respekt vor der Meinung des anderen war erfolgreich. Diese „Anerkennung von Verschiedenheit“ (Friedrich Schorlemmer) ist eine der wesentlichen Erfahrungen der Friedlichen Revolution. Daraus wurden die Anerkennung kultureller Vielfalt und das Engagement gegen rassistische Übergriffe in Ostdeutschland abgeleitet.
Unsere Ziele heute
4.1. Für die Stiftung Friedliche Revolution ist Offenheit und Anerkennung von Verschiedenheit ein wichtiger Anknüpfungspunkt für Bündnisse gegen Rassismus und für die Integration von Bürgern mit unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund ein wichtiges Anliegen.
4.2. Wir treten für kulturelle Vielfalt ein. Wir kämpfen gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung in Deutschland.
4.3. Wir suchen den internationalen Austausch mit anderen Initiativen gegen Rassismus, um Erfahrungen und wirksame Aktionsformen auszutauschen.